Lüge Gedichte


Gedichte - Lüge

Sammlung an Gedichten mit Bezug zur Lüge für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 

 

Gott gab uns nur einen Mund,
weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Munde schon
schwatzt zuviel der Erdensohn.
Hat er jetzt das Maul voll Brei,
muß er schweigen unterdessen;
hätte er der Mäuler zwei,
löge er sogar beim Essen.

Heinrich Heine

 

 

In den Küssen welche Lüge!
Welche Wonne in dem Schein!
Ach, wie süß ist das Betrügen
Süßer das Betrogensein!

Liebchen, wie du dich auch wehrest,
Weiß ich doch, was du erlaubst:
Glauben will ich, was du schwörest,
Schwören will ich, was du glaubst.

Heinrich Heine

 

 

Nachtlied

Gute Nacht! Bis an den Morgen
Schlafen wir und unsre Sorgen!
Unser Landeswächter wacht
Für uns alle! Gute Nacht!

Gute Nacht! Die guten Geister,
Die uns schützen, bleiben Meister
Im Getümmel ihrer Schlacht!
Gute, gute, gute Nacht!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

Der Lügner

Da seht mir nur den kleinen Buben an,
Das wird ein großer Lügner werden.
Er lacht mit schelmischen Gebärden
Auf seiner Mutter Mann
Und ruft: Papa! Papa! aus seiner Wiege
Sein erstes Wort ist eine Lüge.

Christian August Fehre

 

 

 

Auf den Technikus

Technikus kann alle Sachen
Andre Leute lehren, selbsten machen,
Reiten kann er, fechten, tanzen,
Bauen kann er Städt' und Schanzen;
Singen kann er, messen rechnen,
Schön und zierlich kann er sprechen;
Stadt und Land kann er regieren,
Recht und Sachen kann er führen;
Alle Krankheit kann er dämpfen,
Für die Wahrheit kann er kämpfen;
Alle Sterne kann er nennen,
Bös' und Gutes kann er kennen,
Gold und Silber kann er suchen,
Brauen kann er, backen, kochen;
Pflanzen kann er, säen pflügen,
Und zuletzt – erschrecklich lügen!

Friedrich Freiherr von Logau

 

 

 

 

Festen Mut in schweren Leiden,
Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen –
Brüder, gält' es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Höre, was der Volksmund spricht:
Wer die Wahrheit liebt, der muß
Schon sein Pferd am Zügel haben,
Wer die Wahrheit denkt, der muß
Schon den Fuß im Bügel haben,
Wer die Wahrheit spricht, der muß
Statt der Arme Flügel haben!
Und doch singt Mirza-Schaffy:
Wer da lügt, muß Prügel haben.

Friedrich Martin von Bodenstedt

 

 

 

 

O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
Wie jedes andre wahrgesprochne Wort
Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
Gewendet und versagend, sich zurück
Und trifft den Schützen.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Abgesehen von der Profitlüge

Die kurzen Beine der Lüge sind
Auch nur etwas Relatives.
Ein Segler kreuzend gegen Wind
Ist immer etwas Schiefes.

Ob sie aus Anstand, aus Mitleid gibt,
Sich hinter der Kunst will schützen,
Wenn sie nicht innerst sich selber liebt,
Wird Lüge niemandem nützen.

Es gibt eine Lüge politisch und kühn,
Und die ist auch noch zu rügen.
Ich meine: Wir sollten uns alle bemühn,
Möglichst wenig zu lügen.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Frau Lüge

Sie log nur so, daß die Fetzen flogen,
Ihr zweites Wort war sicher gelogen,
Und wenn sie nichts zu erzählen gewußt,
Dann log sie erst recht nach Herzenslust.

Sie ging auf die Straße und fand eine Lüge,
Sie kam aus der Kirche und wußt ein Lüge:
Bei ihrer Frau Base, bei ihrem Mann,
Ihr Lüge auf Lüge vom Munde rann.

Sie log aus Not und log aus Vergnügen,
Sie log aus der reinsten Freude am Lügen,
Ja, selbst ihr Träumen war Lügengespinst –
Des anderen Glaube nur war ihr Gewinst.

Und als sie nun endlich zum Sterben gekommen,
Und der Lügenteufel sie zu sich genommen:
Was Wunder, wenn solch einer Frauen Mann
Ihr nun auch ihr Sterben nicht glauben kann?

Er kam betrunken nach Haus wie immer
Und nahte sich schwankend dem traulichen Zimmer –
Laut redend hat er am Wege studiert,
Wie er ihr Keifen und Lügen pariert.

Da trat ihm entgegen mit tränender Nase
Und schluchzender Stimme die gute Frau Base –
Er aber schrie polternd, vom Zorne rot:
»Sie lügt, sie lügt! Sie stellt sich nur tot!«

Ludwig Scharf

 

 

 

Der vergessene Bräutigam

Frau X., noch eine von den stolzen Gnädigen,
Bekam die Liebschaft ihres Mädchens satt,
Und mietete sich drum ein ander Mädchen,
Was, wie es sagte, kein Verhältnis hat.

Jedoch bereits am ersten Abend
Sie einen Grenadier erblickt,
Der, in der Küche sich erlabend,
Sie schnell in einen Winkel drückt.

"Was?", ruft sie, "also, Karoline,
Du hast doch einen Bräutigam?"
"Ich? – nee!" ruft diese mit naiver Miene,
"Ick habe keenen Schatz, Madam!"

"Was? willst du leugnen, wo ich ihn entdecke?
Das ist doch frech gelogen – in der Tat!
Da steht er ja, da hinten in der Ecke,
Und ißt sich wohl an unserm Braten satt?"

"Wat?" ruft Karoline; "Eiherrjechen?
Nanu – wie kommt denn der dahin? –
Der muß wohl noch vons vor'ge Meechen
Dahinten stehn jeblieben sin?!"

Christian Heinrich Roller

 

 

"Krücken, Krücken! gebt uns Krücken!
Ach, wie geht die Menschheit lahm,
seit man, neu sie zu beglücken,
ihr die alten Stützen nahm.

Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!   
grün und blau und gelb und rot!
Volles Licht ist für Pupillen
unsrer Art der sichre Tod.

Lügen, Lügen! gebt uns Lügen!
Ach, die Wahrheit ist so roh!
Wahrheit macht uns kein Vergnügen,
Lügen machen fett und froh!

Gängelbänder, Schaukelpferde,
Himmel, Hölle und Moral –
und dich selbst gib deiner Herde
neu zurück, o großer Baal!

Christian Morgenstern

 

 


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